Reiseberichte

Samstag, 31. Dezember 2005

21.12.-29.12.2005

In der Woche vor Weihnachten haben wir, um etwas unsere Konten auszugleichen, auf einer Obstfarm bei Melbourne gearbeitet. Unsere Aufgabe bestand darin Kirschen zu pflücken, was einerseits ziemlich lecker andererseits aber kein so easy going job ist. Das Problem beim Cherry picken ist, dass man nach Boxen gepflückter Kirschen bezahlt wird und je schneller man ist, je mehr Geld verdient man. Grundsätzlich ist es ein faires System, aber für uns Travelers etwas deprimierend, wenn man am Ende des Tages unsere Bilanz mit dem unserer asiatischen Kollegen vergleicht. Ich hatte in der Regel 10-11 13kg Boxen Kirschen und die Asiaten gut das doppelte bis dreifache. Der Preis pro Box variierte zwischen 11 und 15 AU$ und war abhängig vom Zustand der Kirschen. Wenn es z. Bsp. in einer Abteilung nicht so viele Kirschen gab oder viele vergammelt waren, man viel suchen und selektieren mussten, ist man langsamer gewesen, hat weniger Boxen geschafft und hat deshalb pro Box mehr Geld bekommen. Umgedreht war es bei Bäumen die sehr gut getragen haben und sich daher auch schnell abpflücken ließen. Da war man ja schnell, hat mehr Boxen geschafft und hat daher weniger Geld bekommen. Zum Vergleich: die ersten zwei Tage hatten wir eine schlechte Reihe und haben pro Tag 15 Kisten zusammen gepflückt, die nächsten Tage waren die Reihen um einiges besser und jeder hatte nach neun Stunden 11-13 Kiesten Kirschen gepflückt.
Cherrie-Melbourne-1- Cherrie-Melbourne-2-
Unser Waschraum
Cherrie-Melbourne-13- Cherrie-Melbourne-7- Cherrie-Melbourne-8-
Das genialste bei dieser Arbeit war aber unserer Arbeitgeber, der super Entspannt und unendlich lieb war. Am ersten Arbeitstag haben wir gefragt, wann denn anfangen sollen zu Arbeiten? Darauf meinte er nur: „Hey ihr könnt anfangen und aufhören wann ihr wollt, ihr wisst doch wie viel ihr verdienen wollt.“ Auch als er unsere vollen Boxen abholte, hat er sicher immer Zeit genommen um sich mit uns zu unterhalten und Tipps zu geben. Am lustigsten fand ich aber, dass er sich regelmäßig dafür bedankt hat, dass wir seine Kirschen ernten bzw. hat er sich entschuldigt, wenn die Bäume sehr schlecht getragen haben und wir dadurch weniger verdient haben. Sehr sympathischer Chef, zumal er auch begeisterter Kletterer ist. Am Freitag wurden wir zur hiesigen Firmen Christmas Party eingeladen, die wir uns natürlich nicht entgehen ließen. Auf der Party haben wir dann auch mal einige andere Mitarbeiter der Firma samt Kindern kennen gelernt.
Ich muss schon sagen, es ist ziemlich crazy Abends auf einer Weihnachtsparty bei 25°C mit einem kalten Bier in der Hand den Kids beim Basketball spielen zuzugucken. Mir ist nach allem gewesen, nur nicht nach Weihnachten. Im laufe des Abends haben wir die Bekanntschaft mit einem zwei Meter hoch gewachsenen, lässig wirkenden Mann mit Dreads auf dem Kopf und Piercings im Gesicht gemacht. Dieser Mann (wir haben leider keinen Namen) stellt sich mit seinem T-Shirt vor, welches er aus Prenzlauer Berg hatte und auf dem irgendetwas mit Biermile……bla draufstand, ich kann mich aber nicht genau erinnern. Als ich das las, habe ich mich richtig gefreut, als er mir dann aber noch das T-Shirt von seiner Freundin zeigte, ist meine Freude in wahre Begeisterung umgeschlagen. Für Insider: Auf dem Shirt stand:
Aloha- Berlin und in der Mitte war ein Retrofahrrad abgebildet. Na Steffi macht’s klick?
Für Outsider: Aloha- Berlin ist ein Fahrradgeschäft im Prezlauer Berg, die Beachbikes und Retrobikes verkaufen. Cooler Laden, wenn ich ein begeisterter Fahrradfahrer wäre. Der Clou an der Geschichte ist, dass sich dieser Bikeshop in meiner lieblings Ecke vom Prenz’l Berg genau neben meiner „Stammkneipe“ befindet. Oh Gott ich stelle gerade fest, dass ich eine Stammkneipe habe.
Naja diese Leute waren auf jeden Fall sehr faszinierend, da sie viel in der Welt und Australien rum gereist sind, viele Dinge gesehen und gemacht haben. Er z. Bsp. arbeitet für eine größere Eventfirma bei der er die Showbühnen auf und ab baut. Nebenbei kann er tauchen, hat einen Flugschein und was weiß ich noch alles. Sie ist Lehrerin und ist ihm zu den Festivals und Konzerten hinterher geflogen wo er gerade gearbeitet hatte und gemeinsam sind sie dann von dort aus rumgereist. Momentan leben sie bei Melbourne und haben ein Fahrradverleihgeschäft + Cafe eröffnet. Ziemlich irre.
Das faszinierende an diesem Land ist, dass man nicht unbedingt eine Ausbildung braucht um arbeit zu bekommen. Viele Leute die wie getroffen haben, hatten keine und haben trotzdem gearbeitet. Man stellt sich halt einfach vor, sagt was man kann und gut ist. Je mehr Fähigkeiten man hat desto bessere Arbeit bekommt man natürlich. Kein schlechtes System, nicht ganz so steif wie in dt., wo man für die meisten Jobs eine Ausbildung benötigt. Obwohl es sich ja langsam etwas auflockert und man teilw. als Quereinsteigen die Branche wechseln kann. Natürlich gibt es auch hier Arbeiten wofür man eine abgeschlossene Ausbildung braucht.
Eine andere lustige Unterhaltung hatte ich mit einem ziemlich kräftig gebauten Typen, der von oben bis unten Tättooviert war. Als er mich auf meine Piercings ansprach und ich ihm erzählt habe, dass die alle von einer Kollegin gestochen worden sind, hat er sich kaum mehr einbekommen. Komischer Mensch, von oben bis unten tättooviert, aber sich wundern, wenn man Piercings selber macht.
Ich muss sagen sehr lustige Weihnachtsfeier.
Am Samstagmittag haben wir uns von einer Freundin von Anne abholen lassen.
Diese Freundin heißt Anne-Katrin, ist mit Anne in dieselbe Klasse gegangen und ist vor einem Jahr nach Melbourne zu ihrem Freund gezogen. Sehr günstig, da wir auch bei ihr wohnen können.
So, der aufmerksame Leser wird sich sicher wundern warum wir nicht mit unserem eigenen Auto nach Melbourne zurück gefahren sind? Dieses mussten wir leider bis Mittwoch wegen gerissener Bremsleitung in die Werkstatt geben. Wie es dazu kam?
Also, am Freitagvormittag sollten wir zu einem anderen Areal auf der Obstfarm fahren wo wir weitere Kirschen ernten sollten. Da wir uns auf der Farm noch nicht so gut auskannten, haben wir dummerweise einen Weg genommen der am Ende einen tiefen Absatz hatte und für uns damit unpassierbar war. Um wieder zurück zukommen wollte ich zwischen zwei Apfelbaumreihen einen Berg zum Hauptweg hochfahren. Grundsätzlich ist das auch erlaubt, aber eigentlich sollte man dafür ein entsprechendes Auto haben. Mit entsprechend meine ich ausreichend Profil auf den Reifen und genügend Motorleistung. Wir hatten beides nicht, was ich recht schnell gemerkt habe. Kurz vor der Bergkuppe kam unser Auto für einen Moment zum stehen, die Räder drehten durch und dann ging es auch schon wieder Bergab. Alles kein Problem dachte ich, ich habe ja eine Bremse und rückwärts einen Berg runterfahren kann auch ganz lustig sein. Wenn da nicht auf einmal dieses komisches pfiffff gewesen wäre und plötzlich der Druck von der Bremse weg war. Mhmmm das ist ja jetzt ungünstig, so mal am Ende der tiefe Absatz auf uns wartete. Also habe ich die Handbremse gezogen und das kleine Übel, den Apfelbaum gewählt. Ich muss sagen, es sah ziemlich lustig aus, wie ich unser blaues Auto in der grünen Apfelbaumreihe eingeparkt habe. Uns ist zum glück nichts passiert, das Auto hat auch keinen Schaden genommen (bis auf die gerissene Bremsleitung) nur der Apfelbaum hat etwas gelitten.
Steve (unser Chef) sah das mit dem Baum nicht so eng, sondern hat sich mehr Sorgen um unser Auto gemacht. Er hat gleich in der örtlichen Werkstatt angerufen und bescheit gesagt, dass wir am Nachmittag vorbeikommen werden. Gegen Mittag hat uns ein Traktor aus der Apfelbaumreihe gezogen und wir sind dann sehr vorsichtig und mit Handbremse in die Werkstatt gefahren. Die hatte leider keine guten Nachrichten für uns, da sie das benötigte Ersatzteil erst am Mittwoch nach Weihnachten bekommen. Frohes Fest. Nun wussten wir aber wofür wir die Woche über gearbeitet haben.
Heiligabend haben wir in Melbourne mit Anne-Katrin und ihrem Freund + Vater verbracht.
Zuerst habe ich ganz traditionell Thailändisch gekocht und anschließend sind wir gemeinsam in den Botanical Garden gefahren wo wir auf einer Leinwand eine Open Air Weihnachtsgala gesehen haben. Das Beste war die Atmosphäre, die Akteure auf der Leinwand waren eher grenzwertig bis schlecht. Auch hier gibt es so etwas wie Teletabbis und Australien sucht den Superstar und wenn diese „Künstler“ dt. Weihnachtslieder auf Englisch singen, klingt das nicht unbedingt gut. Der Supergau für meine Hörnerven war aber ein kleines Kind, welches Stille Nacht, Heilige Nacht auf eng. gequäkt hat. Da fragt man sich doch, wo hier jetzt die stille Nacht ist? Im letzten Drittel der Gala wurden die Akteure aber um einige besser, was sehr Entspannend für mein gepeinigtes Gehör war.
Die Australier feiern Weihnachten etwas anders als wir. Der 24. ist für sie nicht ganz so wichtig, es gibt zwar auch Weihnachtsmessen in den Kirchen aber eigentlich ist es fast ein ganz normaler Tag. Richtig Weihnachten mit Familie, großem Essen und Geschenke feiern sie am 25. . Der 2. Weihnachtsfeiertag nennt sich hier Boxingday (warum auch immer) und ist wirklich sehr irre.
1. haben am B-Day alle Geschäfte in der City offen und locken mit tollen nachweihnachtlichen Angeboten.
2. beginnt an diesem Tag ein fünf Tage anhaltendes Cricketspiel. Wer es noch nicht wusste Cricket ist hier so etwas wie Fußball bei uns, ein Volksport. Den genauen Sinn dieses Spiels kann ich euch leider noch nicht sagen, ich weiß nur, dass es ein unheimlich Langweiliger Sport ist, was aber auch damit zusammenhängen könnte, dass ich mich nicht dafür interessiere. Die Australier lieben es auf jeden Fall. Wenn ich mehr über diesen Sport herausgefunden habe, werde ich es euch wissen lassen.
Etwas sehr interessantes hat sich die australische Regierung einfallen lassen. Und zwar da der 24. dieses Jahr ein Freitag war, wurde mal eben der Dienstag auch noch zum Feiertag erklärt.
Sehr Arbeitnehmerfreundlich.
Ich muss sagen, dass war ein ziemlich ungewöhnliches Weihnachtsfest. Wenn ich wieder in dt. bin, muss ich erst einmal wieder mein Bild von Weihnachten zurechtrücken. Ich kann mich einfach nicht an den Gedanken gewöhnen, dass ich an Weihnachten kaltes Wasser statt heißen Glühwein trinke. Oder anders, ich habe mich bei 30°C mit Sonnencreme eingecremt und dabei einen Pappweihnachtsmann zwischen blühenden Rosen angeguckt. Ich meine da stimmt doch irgendwas nicht. PICT1606bear

Am Mittwoch haben wir unser Auto mit neuer Bremsleitung und neuen Reifen aus der Werkstatt abgeholt. Vorher sind wir noch bei den Leuten vorbei gefahren, die wir auf der X-Mas Party kennen gelernt hatten und haben uns ihren Fahrradladen angeguckt.
Der Besuch hat sich richtig gelohnt, da wir viele wertvolle Tipps für unseren Trip nach Alice Springs bekommen haben. Am Donnerstag und Freitag hat Anne sich den Morington Peninsula angeschaut und ich habe mich mit meiner Schwester getroffen bzw. habe Anne-Katrin und ihrem Freund etwas beim Arbeiten an ihrem Haus geholfen.
New Year Eve werden wir in der City mit meiner Schwester verbringen und am 2.oder3. January werden wir uns auf den Weg nach Adelaide machen.

Kurz ein, zwei Sätze zum hiesigen Wetter.
Ich weiß, dass bei euch im deutschen Lande richtiges Schneechaos mit Schneesturm u.s.w. herrscht. Wir haben hier Temperaturen zwischen 30 und 40°C und wenn hier mal ein Wind weht, ist dieser auch richtig heiß. Sehr beeindruckend. Aber ich muss sagen, da es eine trockene Hitze ist, ist sie direkt erträglich und man kann sich relativ gut an die Temperaturen gewöhnen. Gestern Abend gegen 8:00 p.m. z. Bsp. waren mir die 28°C Lufttemperatur fast zu kalt um in den Pool zu springen.

Belehrung: :)
Immerschön warm anziehen und den Schal, Mütze und Handschuhe nicht vergessen.
Vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzen.
Wenn Knaller zu Sylvester, dann bitte nur die guten, teuren mit TÜV-Siegel und immer ordentlich die Packungsbeilage beachten!

HAPPY NEW YEAR, GUTEN RUTSCH INS NEUE JAHR
Wünsche ich allen.

P.S Wenn ihr auf das neue Jahr anstoßt werde ich wahrscheinlich gerade das erstemal meine Augen wieder öffnen.

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